Ethik

E T H I K U N T E R R I C H T   A M   G Y M N A S I U M

Konkurrenz für die Religionslehre?

Nein – um diese Frage gleich zu beantworten. Konkurrenz ist der Ethikunter­richt sicher nicht. Aber was ist er eigentlich? Wer besucht ihn und was machen wir dort?

Seit seiner Einführung an bayerischen Gymnasien bis heute steigt seine Teil­nehmerzahl leicht an, in den letzten Jahren stärker. Woran liegt dies? „Der Moralität droht, dass sie ihre traditionellen Stützen einbüßt“. So formuliert Ferdinand Fellmann in seinem sehr lesenswerten Bändchen „Die Angst des Ethiklehrers vor der Klasse - Ist Moral lehrbar?" ein scheinbares oder tat­sächliches Problem. Der Niedergang der Kirchen, die Auflösung des Nationalstaates im Zuge der Globalisierung und nicht zuletzt der Bedeutungsverlust der Familie habe unsere Wertvorstellung erschüttert. Einstige Vorbilder von hoher moralischer Autorität schwinden zu Schatten vergangener Zeiten.

Ist der „Ethikboom" wirklich ein Indiz für die Heimatlosigkeit der Moralität. Nicht zuletzt weisen die immer mehr aus dem Boden schießenden Ethikkom­missionen auf einen Bedarf an Tugendlehre hin.

Also gut, die Tugend soll gelehrt werden. Wie geschieht dies? Ein Blick in den Lehrplan des Faches Ethik am Gymnasium soll hier ein wenig weiterhelfen. „Das Fach Ethik unterstützt die Suche junger Menschen nach einer verlässlichen moralischen Orientierung in der Welt von heute.“ So lapidar und auf der anderen Seite absolut wird das Profil des Faches Ethik im aktuellen Lehrplan beschrieben. Die Frage, ob die gehäuften Wechsel in den Lehrplänen in der letzten und nächsten Zeit diese Orientierung erbleichtern. überspringen wir besser.

Das Ethische“, so der Lehrplan weiter, „ist in diesem Sinne traditionell Teil des gymnasialen Bildungsauftrages. Die Schule thematisiert im Ethikunter­richt die Frage nach dem guten Leben im Sinne sittlicher Einsichten.“ Und spätestens hier wird klar, das Fach Ethik ist sicher keine Konkurrenz zum Fach Religion, sondern „wir“ versuchen uns derselben Frage zu nähern, vielleicht aus anderer Richtung, vielleicht mit anderen Wegweisem, aber das Ziel liegt sicherlich in derselben Region.

Wie sieht der Weg des Ethikunterrichts zu seinem Ziel aus? Beginnen wir in der fünften Jahrgangsstufe:  Bedürfnisse und Regeln, Freiheit, Entscheiden und Handeln sind die Stichworte des Lehrplans. Dasselbe heißt im Lehrplan der evangelischen Religion „ Ich und die anderen“.

Doch dann werden Unterschiede deutlicher. In der christlichen Religionslehre steht die Bibel naturgemäß stärker im Mittelpunkt. Im Fach Ethik gehen wir von einer anderen Basis aus. Ich sage bewusst nicht ,breitere Basis', da mehr nicht unbedingt besser ist, es kann auch oberflächlicher sein.

Ich möchte die Unterschiede und Gemeinsamkeiten an der neunten Jahrgangs­stufe darstellen. Hier eine Auflistung der Themenbereiche laut Lehrplan:

Ev. Religion

 

Kath. Religion

 

Ethik

Der Glaube an Jesus Christus Judentum

 

Exodus, Dekalog und Propheten

 

Philosophische Sinndeutung des Lebens

 

Das Judentum

 

Das Judentum

 

 

 

Gerechtigkeit in der einen Welt

 

Zur inneren Mitte finden –  Mut zu christlichem Handeln entwickeln

 

Ähnlich in der 10. Jahrgangsstufe

 

Arbeit und Leistung

 

Schule, Abitur, Beruf –  wozu?

 

Ethik des

wirtschaftlichen Handelns

 

Partnerschaft. Liebe, Sexualität

 

Gemeinschart und Intimität: Freundschaft, Liebe und Sexualität

 

Im Fach Ethik in der 10. Jahrgangsstufe

 

 

 

 

 

Ethisch argumentieren

 

Die Aspekte der eigenen Kirchengeschichte und Theologie beim Unterricht in den christlichen Religionen werden im Ethikunterricht also durch allgemeine Philosophie „ersetzt“ / „erweitert“, die Anwendung auf die Welt. die die Schüler vorfinden, ist oftmals ähnlich.

Wer kommt nun in den Ethikunterricht, um dieses Angebot zu nutzen? Zuerst sollte erwähnt werden, dass niemand automatisch zu uns kommt. Dieser Unterschied ist sicher historisch gewachsen, aber zum Ethik-Unterricht muss man sich melden; er ist das einzige Fach, das eine persönliche Anmeldung seiner „Kundschaft" voraussetzt.

Zum einen sprechen wir von den „geborenen Ethikern“, als den Schülern, die nicht christlich getauft sind. Daneben wechseln einige Schüler im Laufe ihrer gymnasialen Laufbahn vom Fach Religion zum Fach Ethik über. Auf Nachfrage wird uns meist ein Grund genannt: „Ich glaube nicht an Gott."

Dennoch verstehe ich den Ethikunterricht nicht als Ersatz. Wir bieten Eigenständiges an, bei großen Überschneidungen. Der Fundus, aus dem das Fach Ethik seine Grundlagen der moralischen Entscheidung zieht, ist ein anderer, und dies ist dann sicher auch der grundlegende Unterschied. Wenn sich beim Fach Religion die Grundlage der Moral, das Christentum, als gege­ben voraussetzt, so werden im Fach Ethik verschiedene mögliche Grundlagen vorgestellt, analysiert und ihre Anwendung problematisiert. Die Philosophie eines Aristoteles und der antike Weg zum Glück stehen gleichberechtigt neben der absolutistischen Vernunftorientierung eines Kant, ebenso gleichberechtigt das Christentum neben den anderen Weltreligionen, die hier allerdings einen leicht größeren Raum bekommen.

Nur das Ziel ist in beiden Fächern dasselbe, nämlich die Jugendlichen zu befähigen, moralisch fundierte Positionen zu entwickeln, einen eigenen Maß­stab für Moral zu finden. Wenn wir dies auch nur in Ansätzen erreichen, würde ich nicht mehr nach dem Weg dorthin fragen. Die moralische Orientierung in einer immer unübersichtlicheren Welt zu finden, das ist dann sicher wieder gemeinsames Anliegen des Faches Religion und des Faches Ethik.

Ein Blick aber vielleicht noch auf die Qualifikation der Lehrenden. Hier stehen „wir“ Ethiker sicher weit zurück. Es gibt jetzt zwar Anfänge einer fundierten Ausbildung zum Ethiklehrer mit staatlicher Prüfung, bis jetzt ist unsere Befähigung, zu Fragen der Moral Stellung zu nehmen, aber nicht größer als die jedes an diesen Fragen interessierten Menschen. Ethik unterrichtet derjenige oder diejenige, die Interesse am Fach hat. Wenn die Warteliste für diverse Weiterbildungsangebote, die leider recht dünn gesät sind, es gut mit dem Lehrer meint, so kann er einen dreiwöchigen Kurs an der Lehrerakademie in Dillingen, verteilt auf zwei Schuljahre, absolvieren. Hier würden wir uns mehr wünschen.

Was dagegen immer besser klappt ist die Zusammenarbeit zwischen den zwei Fachschaften. Gemeinsame Fachsitzungen und ein gemeinsam geplantes Projekt für das nächste Schuljahr lassen hier die richtigen Schritte erkennbar werden.

Werner Wiedemann

Lehrer für Ethik am LSH Marquartstein (der hier natürlich seine private Meinung wiedergibt, also nicht die Fachschaft oder die Institution repräsentiert)

Link zum Lehrplan